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Einsprache

Absender: Gruppe ‚Leidenschaft, die Leben schafft’

Zonenplanrevision der Stadt Basel – Basisratschlag Öffentliche Planauflage vom 7. Juni bis 16. Juli 2010

eingereicht am 16.7.2010 mit 250 Unterschriften

Sehr geehrte Damen und Herren

Wir sind Menschen, die sich um die Lebensgrundlagen unserer Kinder und der künftigen Generationen sorgen, einer Zukunft, die zunehmend gefährdet scheint.

Unsere Grundhaltung entspricht dem Wissen, dass wir unsere Lebensbedürfnisse befriedigen können, ohne unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Eine langfristig lebenserhaltende Lebens- und Wirtschaftsform kann nur in einer gesunden, zuverlässigen Gesellschaft entstehen und in einer Umwelt, die sich regenerieren kann.

Gleichzeitig sind wir ZeugInnen einer Zerstörung des Lebens in einem Ausmass, wie es in der Geschichte der Menschheit noch keine Generation vor uns erlebt hat. Warnungen finden kaum Gehör, denn wir leben in einer industriellen Wachstumsgesellschaft. Diese Wirtschaft basiert auf einem stets wachsenden Verbrauch von Rohstoffen, bei der die Erde als Selbstbedienungsladen und als Mülldeponie genutzt wird.

Wir beobachten die weltweite und die damit korrespondierende regionale Entwicklung (kurzfristiges Wachstumsdenken) hierzulande mit grosser Sorge und fordern Sie auf, im Rahmen der aktuellen Zonenplanrevision die vorhandenen Spielräume zu nutzen und die vorliegende Zonenplanrevision im Sinne einer langfristig lebenserhaltenden Stadt- und Kantonsplanung zu überarbeiten.

Die unterzeichnenden PächterInnen des Familiengartenareals Milchsuppe und AnwohnerInnen des Areals erheben fristgerecht im Rahmen der oben genannten Planauflage

SAMMEL-EINSPRACHE

gegen die Zonenplanrevision, inbesondere gegen den Bebauungsplan Stadtrandentwicklung Nordwest.

mit folgenden Anträgen:

Anträge

1.

Es ist der Zonenänderungsplan, insbesondere der Bebauungsplan Stadtrandentwicklung Nordwest, nach Massgabe von (a), (b) und ( c ) hiernach integral zu überarbeiten und gemäss §109 BPG neu aufzulegen:

(a)

Der Zonenänderungsplan und die Bebauungspläne sind, gestützt auf Art. 1 Abs. 1 RPG („Konzentrationsprinzip“), so zu überarbeiten, dass zuerst die vorhandenen inneren Umnutzungs- und Verdichtungspotentiale vollständig ausgenutzt werden, bevor Siedlungserweiterungen ins Auge gefasst werden;

(b)

Sofern und soweit Siedlungserweiterungen zulässig sind, sind die notwendigen ökologischen Ersatzmassnahmen im Zonen- und den Bebauungsplänen nicht bloss zu bestimmen, sondern auch als verbindlich festzulegen.

(c)

Die Siedlungserweiterung Nordwest ist aus dem Zonenplanverfahren zu entfernen und auf die Festlegung eines entsprechenden Bebauungsplans ist zu verzichten.

2.

Sofern und soweit die Siedlungserweiterungen zulässig sind, sind der Zonenplan und die dazu geplanten Bebauungspläne nach Massgabe von (d) hiernach zu überarbeiten und die überarbeiteten Teile gemäss § 109 BPG neu aufzulegen:

(d)

Betreffend Siedlungserweiterung Nordwest:
- Die ökologischen Ersatzmassnahmen sind aufgrund eines Naturinventars auszuweisen und im Bebauungs- und Zonenplanplan verbindlich zu regeln.
- Die Kriterien eines „ökologischen„ Quartiers sind verbindlich festzulegen (quartier durable, zero-emission), ebenso die Massnahmen zur Minimierung des motorisierten Individualverkehrs.

BEGRÜNDUNG

1. Integrale Rückweisung Entwurf Zonenplanrevision wegen Verletzung grundsätzlicher Planungsprinzipien und –grundsätze

1.1.

Die Zonenplanrevision unterliegt den Bestimmungen der Raumplangesetzgebung des Bundes. Gemäss Art. 1 Abs. 1 RPG besteht das erste Ziel in der haushälterischen Nutzung des Bodens. Aus der Verpflichtung zur haushälterischen Bodennutzung hat die Rechtsprechung namentlich das Konzentrationsprinzip abgeleitet (vgl. BGE 116 Ia 335 E. 4). Diesem Prinzip sind auch die in Art. 3 RPG niedergelegten Planungsgrundsätze verpflichtet, wie namentlich Art. 3 Abs. 3 RPG zeigt, der besagt, dass Siedlungen in ihrer Ausdehnung grundsätzlich zu begrenzen sind. Folgerichtig müssen Bauzonen systematisch erschlossen werden (vgl. BGE 119 Ib 124 E. 4a/bb) und Baulücken sind grundsätzlich aufzufüllen (vgl. BGE 113 Ia 444 E. 4 d/dc unter Verweis auf die Botschaft zum RPG vom 27.2.1978, BBl 1978 I 1023). Daraus folgt, dass bei Bauland-Einzonungen die inneren Reserven zu definieren sind und auszuweisen ist, wie sie mobilisiert werden sollen.

1.2.

Die vorliegende Zonenplanrevision steht im offenen Widerspruch zu diesen Prinzipien. Über die Potentiale mit Innenentwicklungen, Baulücken, Nachverdichtungen (Ausbaureserven), vor allem aber über das Nutzungspotential von Umnutzungen (Bahn-, Hafen-, Spitalareale) geben die vorliegenden Teile des Zonenplans nur summarisch Auskunft (Teil 1, Basisratschlag). Mit den „Stadtrandentwicklungen“ soll Wohnraum für rund 4'500 Personen geschaffen werden, während gegen innen offenbar solcher für über 15'000 Einwohner möglich ist; es wird jedoch nicht weiter ausgeführt, wie dies erreicht werden soll (aus: Ziele der Zonenplanrevision). Dieses Vorgehen widerspricht planerischer Logik. Aufliegend sind Siedlungserweiterungen (Ost, Bruderholz, Milchsuppe, Walkeweg) mit Bauland-Einzonung von primär Grünzone bzw. IG- und Landwirtschaftsgebiet zu Lasten der FamiliengärtnerInnen als schwächste FlächenverwalterInnen.

1.3.

Neben Nachverdichtung oder Umnutzung von Bahn-, Industrie- und Hafenarealen stellt die Aufzonung eine relevante Möglichkeit der inneren Siedlungsentwicklung für die Stadt Basel dar. Auch diese Frage wird im vorliegenden Zonenplan nicht betrachtet. Die planerische Notwendigkeit einer Priorisierung der inneren Verdichtung wurde oben ausgeführt. Die im aufliegenden Zonenplan behandelten Aspekte der Grünräume, Naturschutzzonen und der Stadtbildschutz- und -schonzonen müssen zusammen mit der Frage der flächenhaften Aufzonung betrachtet werden. Vertikale Verdichtung muss die sozialen, architektonischen, städtebaulichen, ökologischen und Erholungsaspekte berücksichtigen; sie darf keine Minderung dieser Qualitäten zur Folge haben.

Fazit:

Der Zonenplan und die dazu geplanten Bebauungspläne sind unter Ausweis der Verdichtungs- und der Umnutzungsreserven und der Strategie zu deren Mobilisierung zu überarbeiten. Es sind Flächen für Aufzonungen und Hochhauszonen (allenfalls abgestuft) in den Zonenplan aufzunehmen. Dabei ist eine möglichst geringe Beeinträchtigung der Stadtdurchlüftung nachzuweisen. Die ökologischen Ersatzmassnahmen sind aufgrund eines Naturinventars auszuweisen und im Bebauungs- und Zonenplanplan verbindlich zu regeln. Der so teilüberarbeitete Zonenplan und die überarbeiteten Bebauungspläne sind in den ergänzten Bereichen gemäss § 109 BPG neu aufzulegen.

2. Es ist dem bekannten Frei- und Grünraummangel verstärkt zu begegnen

2.1.

Der vorliegende Zonenplan bietet keine Lösung für das bekannte Problem des Frei- und Grünraummangels (vgl. Grünraumkonzept BS, kantonaler Richtplan S. 75, Grosser Rat z.B. Anzug 06.5044.02). Insbesondere sind keine Pocketparks oder Aufhebungen von Verkehrsflächen ausgewiesen (Verkehrsflächen nehmen immerhin 26 Prozent der Siedlungsfläche ein; die „Rückgewinnung“ ist eine „Grund- bzw. Daueraufgabe“, Anzug 06.5047.03.) Gemäss kantonalem Richtplan muss „bei sich bietender Gelegenheit„ (S. 75) vor allem in den Vorzugsgebieten der Entdichtung die Schaffung von Frei- und Grünraum verfolgt werden, dies entspricht auch dem Grundziel des Zonenplans einer „urbanen Qualitätsmaximierung“ (Teil 3, S. 9). Die beste Gelegenheit stellt die Zonenplanrevision dar, die jedoch diesbezüglich die Richtplanaussagen nicht konkretisiert. Eine ausreichende Versorgung mit Frei- und Grünraum liegt vor, wenn sechzig Prozent der Bevölkerung innerhalb von sieben bis zehn Gehminuten zu einem öffentlichen Grünraum gelangen können (Freiraumkonzept 2004).

3. Potentiale nutzen

3.1.

Langfristig lebenserhaltende Entwicklungsplanung, statt kurzfristiges zerstörerisches Wachstumsdenken: Die Wohnbaupolitik an den Stadträndern wird auf dem Rücken der Schwächsten, der „kleinen Leuten“ mit geringem bis mittleren Einkommen und MigrantInnen ausgetragen. Es wird der Weg des geringsten Widerstandes gewählt, der lediglich den reichen InvestorInnen nützt, aber nicht den Menschen, die hier wohnen.

3.2.

Steuer- und Standortwettbewerb, Renditedenken auf Kosten von Sozialstruktur und Allmendfläche: Durch die Überbauung von Schrebergartenarealen werden gewachsene soziale Strukturen mit einem optimalen Mix aus Stadtwohnen und Gartentätigkeit zerstört. Gartenareale sind ein integrierender lebendiger Bestandteil der Bevölkerung, nicht eine der Überbauung überlassene Restfläche.

3.3.

Ob, wozu und wie soll eine Stadt wie Basel wachsen? Die aktuellen Planungsparadigmen erschöpfen sich in Flächengrössen von Wohnraum, Steuerertrag, architektonisch schönen Baukörpern und anonymisiertem öffentlichen Raum in Form von Parkanlagen. Wir sind von der Notwendigkeit überzeugt, dass grundlegende Werte, wie Wohlstand, Fortschritt, Wertschöpfung, Gewinn und Produktion sowie Besitz- und Nutzungsrechte neu zu überdenken und neu zu definieren sind und fordern dazu auf, sie mit zweckdienlichen Messgrössen zu versehen (siehe dazu auch: 40. World Economic Forum 2010, http://weforum.org/en/events/Annualmeeting2010/Sun32/index.htm). Die Stadt muss ihren BewohnerInnen dienen, nicht umgekehrt die BewohnerInnen der Stadt als „Steuersubstrat“. Erst im Anschluss an die Neudefinition von Entscheidungsparametern muss der Zonenplan neu vorgelegt und sein Mehrwert zukunftsbezogen und lebenserhaltend aufgezeigt werden.

3.4.

Grosses Potential von Raum- und Stadtentwicklung für alle! In diesen Zeiten des grossen Wandels (Veränderungen durch Klimawandel und Wirtschafts- und Finanzkrise) sind zunehmend kreative Ideen gefragt, wie z.B. die Gärten teilweise in die Planung zu integrieren und das darin enthaltene Potential zu nutzen seien (z.B. Gärten für Schulen, für Kindergärten, für soziale Institutionen, für Erwerbslose etc.). Ausserdem wäre die Vertiefung in das Thema „Generationenwohnen“ eher angemessen, als das überholte traditionelle Familienbild mit Einfamilienhäusern zu reaktivieren und zu zementieren.

3.5.

Parkanlagen und Familiengärten beinhalten zwei verschiedene Qualitäten! Während Parkanlagen eher passiv genutzt werden (sich erholen, spielen), dienen Familiengärten in vielerlei Hinsicht der aktiven Freizeitgestaltung und „Sinngebung“ bzw. „Erfüllung“. Beide Nutzungen sind gleichermassen sinnvoll und berechtigt; beiderlei Grünflächen müssen unbedingt erhalten bleiben.

3.6.

Familiengärten werden wieder modern! In aller Welt gibt es unzählige Beispiele einer wachsenden Nachfrage nach Gärten in der Stadt (New York, Toronto, Helsinki, Berlin usw.). Ihre Ausgestaltung ist denn auch je nach Tradition und kulturellem Hintergrund sehr unterschiedlich ausgeprägt. Wir möchten dazu auffordern, diese Entwicklungen zur Kenntnis zu nehmen und sowohl das Potential, als auch die hierzulande erkennbar zunehmende Nachfrage in die Planung einzubeziehen.

4. Lebensqualität in der Stadt

4.1.

Grosser Nutzen für Menschen im Umfeld der Gärten: Benachbarte AnwohnerInnen nehmen die Familiengartenanlage als erweiterten lebendigen Wohn- und Lebensraum wahr. Die Kinder der Umgebung besuchen ihre FreundInnen im Gartenareal, Gärten werden teilweise mitgenutzt oder in der Ferienzeit gehütet, der Garten dient als sozialer Treffpunkt wo Nachbarschaft und Freundschaften gepflegt werden. Familiengärten bilden einen Mikrokosmos gelungener multikultureller Gesellschaft. Attraktives Wohnen verlangt Grünflächen in direkter Nachbarschaft, Raum zum Gehen, die Möglichkeit den Blick schweifen zu lassen hinein in ein Stück Himmel über einem Stück Grün mitten in der Stadt. Der zunehmende Bedarf an Wohnraum rechtfertigt keinen nahtlosen Übergang in die Agglomeration.

4.2.

Basel ist bereits äusserst dicht besiedelt: In der Stadt Zürich wohnen 382'000 Personen auf einer Fläche von 87,78 km2. Das entspricht 4'351 Personen / km2. In der Stadt Basel wohnen 169'448 Personen auf 22,75 km2, was 7'448 Personen / km2 entspricht! Damit liegt Basel punkto Besiedlungsdichte auf dem zweiten Platz nach Genf und weit vor Zürich. Wenn die Pläne der baselstädtischen Regierung Realtität werden und nochmals 20‘000 Menschen zusätzlich hinzukommen, steigt die Dichte in Basel auf 8‘350 Personen / km2. Fast doppelt soviel wie in Zürich. Ob alleine durch die grössere Quantität von Menschen die urbanen Qualitäten von Basel mit jenen von Zürich gleich ziehen werden, muss stark angezweifelt werden.

4.3.

Belebte Grünfläche darf nicht zum Luxusgut werden! Im Schreiben des baselstädtischen Regierungsrates vom 9.12.2009 an den Grossen Rat (Dokument 09.0959.02) ist zu lesen, die Stadt Basel weise im Vergleich zu anderen schweizerischen Grosstädten „ein sehr gutes Angebot an Familiengärten“ auf. Als Beweis dafür wird eine Grafik beigezogen, die die „Familiengartenfläche pro Einwohner“ zeigt. Die da verwendeten Zahlen sind: Basel 6.98 m2/EinwohnerIn; Zürich 4.66, Bern 3.18, Genf 3.0 etc. Diese Daten halten einer genauen Prüfung nicht stand! Gemäss offiziellen Angaben auf der entsprechenden Website, verpachtet der Kanton BS mehr als 5'700 Freizeitgärten in 33 verschiedenen Gartenarealen „auf Kantonsgebiet und rund um die Stadt“. Schaut man die Standorte der Areale genauer an, ist zu erkennen, dass davon aber höchstens die Hälfte tatsächlich auf Kantons-, resp. Stadtgebiet liegen, und damit für den interkantonalen Quervergleich des Angebots von Familiengartenfläche auf Stadtgebiet zählen. Bei einer durchschnittlichen Gartengrösse von rund 200 m2, macht das 570'000 m2. In der Stadt Basel (ohne Riehen und Bettingen) leben aktuell 170'000 Menschen: Das entspricht 3,35 m2 pro Person! Das sind Zahlen, die weit entfernt sind von den im Schreiben der baselstädtischen Regierung unbelegt behaupteten Werte. Mit 3.35 m2 Gartenfläche pro EinwohnerIn liegt Basel bis auf wenige Prozent im Rahmen der anderen grossen Schweizer Städte. Und ist damit auf Stadtgebiet keineswegs „überversorgt“, wie die regierungsrätlichen Zahlen Glauben machen wollen. Wenn „lebendige“ Grünflächen nicht innerhalb der Stadt erlebbar bleiben, so wird das Grün zum Luxus, zum Ferienerlebnis, oft nur mit dem Auto oder gar Flugzeug erreichbar. Wohn- und Lebensqualität besteht für viele MieterInnen aus einem zu Fuss erreichbaren Garten.

4.4.

Hochrechnung über die betroffene Personenanzahl: 460 PächterInnen verlören ihr Betätigungsfeld, direkt davon betroffen wären mindestens 1000 Personen. Rechnet man einen Jungfamilienanteil von zwei Kindern hinzu, wären 2000 Personen, bei einem Freundeskreis von 4-5 Personen gar 10'000 Personen direkt und indirekt vom Wegfall der Gärten betroffen. Nicht einbezogen sind die sozialen Vernetzungen untereinander.

4.5.

Die Zusage für Ersatzgärten ist fragwürdig! Der Zusage für Ersatzgärten kann nur bedingt Glauben geschenkt werden. Denkbar ist, dass die Nachfrage im Zeichen von Krise und Arbeitslosigkeit auch hierzulande zunimmt, wie Beispiele aus dem Ausland zeigen. Ausserdem ist die vorhandene Fläche nicht vermehrbar und ein lieb gewonnener Garten ist grundsätzlich nicht ersetzbar.

4.6.

Lebensqualität in Basel durch Umweltqualität! Lebensqualität im urbanen Raum definiert sich nicht nur durch grosse Wohnfläche, sondern ebenfalls durch eine Vielfalt an Grün- und Freiflächen, die nicht nur daraus besteht, sie zur Rekreation zu nutzen, sondern durch kreative Betätigung eine echte Naturverbundenheit zu erlangen. Was sollen die Älteren machen, denen der Garten entzogen wird? Ins Einkaufszentrum gehen? Ergo: Um Wohn- und Lebensqualität zu erhalten, muss die Bauzone bewusst beschränkt werden (siehe Beispiel der Gemeinde Fläsch, Graubünden).

5. Naturwert / Ökologische Bedeutung

5.1.

Verlust der Biodiversität: Studien belegen, dass es in Familiengärten eine viel grössere Artenvielfalt gibt, als in öffentlichen Grünanlagen. Durchschnittlich werden 22,4 Pflanzen pro m2 Garten und nur 0,5 in einem Park gezählt. In den Basler Familiengärten wird seit Jahren biologisch angebaut und eine Vielfalt der Pflanzen, auch Wildpflanzen wird ausdrücklich gewünscht und gefördert. Hier ist das Potential bei Weitem nicht ausgeschöpft.

5.2.

Flächenversiegelung statt haushälterischer Umgang mit begrenztem Gut! Unversiegelter Boden ist ein nicht vermehrbares Gut mit einer hohen ökologischen Bedeutung. Inzwischen wird in Fachkreisen schon von ‚Peak soil’ geredet. Das Bundesamt für Raumplanung dringt auf ein Entgegenwirken von Flächenversiegelung in Stadt, Land und Agglomeration. Im Widerspruch dessen sollen in Basel weiterhin Freiflächen versiegelt werden, statt den Boden haushälterisch zu nutzen oder zu entsiegeln. Siehe dazu auch Art. 1 Abs. 1 RPG.

5.3.

Stadtklima: Familiengärten sind neben den Basler Parkanlagen, dem Allschwiler Wald und den Langen Erlen die grüne Lunge der Stadt.

5.4.

Geringer Ökologischer Fussabdruck von Mieterinnen mit Familiengarten: Die meisten FamiliengärtnerInnen sind MieterInnen auf kleiner Wohnfläche (sog. kleine Leute). Die Gärten sind ihr Naherholungsgebiet und ersetzen in vielen Fällen das Bedürfnis vieler StädterInnen, zur Erholung aufs Land oder ins Ferienhaus zu fahren. Dieser Lebensstil ist durch eine geringe Mobilität gekennzeichnet und durch geringen Flächenverbrauch beim Wohnen. Er fördert das im Politikplan formulierte Ziel hin zu einer 2000-Watt-Gesellschaft. „Statt raus aufs Land fahren, drinnen in der lebensfreundlichen Stadt bleiben“ ist dabei ein wesentlicher Aspekt.

5.5.

Naturbezug, Naturverbundenheit, Sinn: Viele Menschen schöpfen viel Kraft und Energie aus dem Bewirtschaften einer Gartenfläche und gewinnen daraus Sinn. Zudem schaffen Gärten für Kinder einen Bezug zur Natur im urbanen Raum. In Gärten ist das stadtnahe Erleben z.B. der jahreszeitlichen Veränderungen deutlicher erlebbar, als in Parkanlagen. Leider geht der Naturbezug von StädterInnen durch zunehmend naturfernes Leben und Arbeiten immer mehr verloren. Familiengärten bieten die Gelegenheit, das Bewusstsein für Kreisläufe der Natur zu lernen, zu schärfen und zu kultivieren.

5.6.

Umwelterfahrung und –bildung: Immer mehr Kinder kennen Sushi und Mac Donalds, wissen aber nicht mehr, was Broccoli oder Blumenkohl ist, und woher die Milch kommt. Dafür kennen sie mehr Pokemon-Karten und Fussballstars als Tierarten. Kinder erleben in Familiengärten das „Werden und Vergehen“, das Wachsen und Gedeihen von Lebensmitteln im Jahreslauf. Umwelt- und Naturschutz wird hier durch erleben gelernt.

6. Sozialer Nutzen und Gesundheit

6.1.

Soziale Brennpunkte durch Wegfall an Freiräumen: Durch zunehmenden Privatbesitz (Einfamilienhäuser) werden öffentliche Freiräume (Freiflächen und kulturelle Freiräume) stetig kleiner. Infolge Wegfalls, zunehmender Reglementierung verbleibender Freiflächen und zunehmenden Nutzungsdrucks orten wir künftige soziale Brennpunkte.

6.2.

Gesundheitsförderung: Gärtnern ist eine gesunde Freizeitbeschäftigung, die wenig Geld kostet. Sie wirkt sich sowohl auf die psychische als auch physische Gesundheit positiv aus.

6.3.

Jugendliche: Selbst Jugendliche entdecken das Potential (Rückzug, Freiraum, Feuermachenkönnen und Feiern / Erwachsenwerden) eines Familiengartens ihrer Familie. Bei engen Wohnverhältnissen bieten Familiengärten einen Rückzugsort für Jugendliche, der auch zunehmend von ihnen genutzt wird. Die Ende Juni 2010 publizierten Resultate der Umfrage des Regierungsrates unter Jugendlichen förderte genau hier ein Defizit zutage. Gefragt, was sie machen würden, wenn sie an der Regierung wären, sagten sie, dass sie mehr Orte zur Verfügung stellen würden, wo sie sich ungestört aufhalten könnten. Wer Familiengärten überbaut, handelt diesem von den Jugendlichen selbst artikulierten Bedürfnis genau entgegen!

6.4.

Integration und soziale Durchmischung: Der Film „Unser Garten Eden“ (Mano Khalil, 2010) konnte grossen Bevölkerungskreisen verdeutlichen, dass es sich in einem Familiengartenareal um einen Mikrokosmos einer multikulturellen Gesellschaft handelt, in dem Toleranz und Respekt im Kleinen gelernt und erprobt werden können und müssen.

Fazit

Aus all den oben genannten Gründen legen wir Einsprache gegen die Zonenplanrevision ein. Wir fordern dazu auf, diese einzigartige Gelegenheit und den Spielraum im Rahmen der Zonenplanrevision in Basel zu nutzen: - für einen neuen Umgang mit unseren Grenzen in einer entgrenzten Welt - für uns, für unsere Kinder und die nachfolgenden Generationen - als wegweisendes Beispiel einer neuzeitlichen Planung durch mutige, innovative StadtplanerInnen.

„Der Garten ist der letzte Luxus unserer Tage, denn er fordert das, was in unserer Gesellschaft am kostbarsten geworden ist: Zeit, Zuwendung und Raum“. Dieter Kienast, Landschaftsarchitekt, Zürich (* 30. Oktober 1945 in Zürich; † 23. Dezember 1998 ebenda) D. Kienast war ein Schweizer Landschaftsarchitekt, der die internationale Landschaftsarchitektur entscheidend beeinflusste)

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